Als wir diese Reise planten war es vor allem der Wale wegen. Rund um die Baja sind 13 verschiedene Walarten zu finden. Neben hier überwinternden Arten wie dem Buckelwal, der von Dezember bis März im Cortés-Meer anzutreffen ist, gibt es Pottwale, Blauwale, Grauwale und den ganzjährig hier anzutreffenden Finnwal.
"Wale beobachten" das hieß für uns vor dieser Reise einen Rücken, eine Schwanzflosse oder vielleicht eine Fontäne in weiter
Entfernung zu sehen. Hier in Mexiko sollte dies nun anders werden. Die verschiedenen Walarten, die hier zu jeder Jahreszeit vorkommen sind schwer zu beobachten.
Der Grauwal kommt in diese Gewässer, um den Nachwuchs zur Welt zu bringen. Zu dieser Zeit ist fast die gesamte Population der Grauwale hier vor der Küste Mexikos zu finden.
Auch die männlichen Grauwale kommen zur Paarung in dieser Zeit an die Pazifikküste der Baja California.
Um es gleich vorweg zu nehmen, wir konnten die Grauwale berühren - meistens die Kälber. Diese sind sehr neugierig und kommen in Begleitung der Mutter nah an die Boote heran. Das Kalb wiegt bei der Geburt 700-1400 kg und ist 4,5 m lang. Innerhalb der ersten zwei Monate nimmt es ca. 1000 kg an Gewicht zu. Somit war das niedliche kleine Kalb, das wir im Alter von ca. 2 Monaten streichelten, nicht gerade ein Fliegengewicht.
Unsere erste Walbeobachtungstour startet von der Palmenoase San Ignacio. Alle hatten sich für die extra zu bezahlende Bustour zu der mehrere
Stunden entfernten Laguna San Ignacio entschieden. Was würde uns wohl erwarten ? Die Tour startet direkt am Campingplatz. Der Bus,
ein Bulli mit 12-14 Sitzen, ist voll. Neben unserer Gruppe sind auch noch weitere Touristen mit dabei.
Nach einer ruckeligen Fahrt, die am Ende nur noch über einen Feldweg führt, kommen wir an der Laguna San Ignacio an.
Viel gibt es hier nicht. Ein, zwei Hütten und - zur Begeisterung einiger - saubere Toiletten. Im Wasser nahe dem Strand sind kleine
Boote zu sehen. Diese sind - unserer Meinung nach - ein wenig klein für Walbeobachtungen, schliesslich werden die bis zu 40 t schweren Grauwale
immerhin 15 m lang. Wahrscheinlich kommt das richtige Boot erst noch.
Dann werden die Schwimmwesten ausgeteilt. Inzwischen sind weitere Leute angekommen. Zwei der "Nussschalen" werden nun zum
felsigen Teil des Strands gebracht. Also werden wir doch mit den kleinen Booten mit Außenbordmotor, in denen max 10 Personen
Platz haben, hinausfahren. Zuvor bekommt jeder von uns noch ein Bändchen für das Handgelenk. Dies ist die Eintrittskarte für das
Schutzgebiet. Unser Begleiter am Motor ist leider ein wenig gesprächiger Mexikaner, der auch während der Fahrt nicht
mehr "auftaute". Schade, ein wenig mehr über diese sanften Riesen hätten wir schon gerne erfahren.
Bald nach dem Ablegen ist das allerdings nicht mehr wichtig, denn es kommt der erste Ruf "Wale rechts". Weit entfernt sehen wir eine Fontäne und dann einen Walrücken.
Wie nah werden wir wohl an diese Kolosse herankommen ? Diese Frage stellen sich - glaube ich - alle im Boot. Geübte
sollen anhand der Fontäne einen Grauwal erkennen können, wir können es nur vermuten.
Dann kommen wir in einen Bereich, in dem
mehrere Boote unserer Größe schon nahe bei den Walen sind. Nur bei uns will so gar kein Wal vorbeischwimmen. Neidisch blicken wir zu den
anderen Booten. Unser Guide sucht das Meer ab. Er sucht die Wale und versucht ihre Route vorauszusehen. Immer weiter kommen
wir so von unserem ersten Zielgebiet ab und an den Rand der geschützen Gebiete.
In einem Boot mit der Aufschrift RESCUE kommt ein Nationalparkguide auf uns zu und schickt uns zurück.
Also, anscheinend wenig Chancen für uns. Das zweite unserer Boote hat da mehr Glück. Dort schwimmen schon Wale nahe vorbei.
Doch dann kommt für uns die Sensation. Eine Walmutter sucht sich unser Boot aus, um sich den Rücken zu schubbern. Mit dabei ist ein Kalb, das
sich uns neugierig nähert. Leider sitzen wir in der Mitte des Bootes, das Kalb lässt sich aber vor allem vorne und hinten blicken. So muss ich mit ansehen,
wie nur die anderen die Gelegenheit bekommen, das Walkalb zu streicheln.
Doch dann ergibt sich auch für mich eine Gelegenheit. Nicht das Kalb sondern die erheblich größere Mutter taucht
vor mir auf. Ihr dunkelgrauer Körper ist an einigen Stellen mit Seepocken überzogen. Andere Stellen sind fleckig
und lassen vermuten, daß hier auch einmal Seepocken gewohnt haben. Diese ungebetenen Gäste scheinen nun auch der Grund zu sein,
warum sich das Muttertier von mir berühren lässt. Aus dem unter Wasser liegenden Auge sieht sie mich direkt an. Für mich war es so, wie das erste Mal freie Elefanten in Afrika zu erleben.
Auch diese Kolosse haben eine enorme Persönlichkeit, die man bei Zoobesuchen oder Filmen nie erahnen wird.
Diese Walmutter war auf einmal kein Wal, den man einfach nur streichelt ! Ein waches, sanftes
Auge blickt mich direkt an. Zwischen uns entsteht ein geheimer Bund, eine Kommunikation ohne Sprache.
Immer wieder schaut die Mutter, daß ihrem Kalb nichts passiert und sieht ihm beim spielen mit dem Motor zu.
Nachdem ich gemerkt hatte, daß dem Wal ein starkes schruppen der Haut am besten gefiel, verlegt ich mich auf diesen Service.
Immer wieder taucht der Wal unter dem Boot hinweg. Der oben dunkel und unten heller gefärbte massige Körper ist beeindruckend.
Trotzdem, der Blick in die Augen hat mich mehr beeindruckt. Dies ist kein seelenloser Koloss mehr für mich.
Die Faszination für diese Tiere ist stark gestiegen. Leider verweilen die zwei nicht allzu lange beim Boot. Dann heisst es auch für uns wieder zurück zum Strand.
Ab und zu schwimmen Wale direkt neben uns vorbei. Sie tauchen auf und pusten eine gewaltige Fontäne in die Luft. Dabei sind sie so nah,
daß wir ihre Atemlöcher sehen können, und mitverfolgen, wie sie sie kurz vor dem abtauchen wieder schließen.
Einige Tage später campen wir am Strand der Laguna Ojo de Liebre. Diese Gegend, die auch unter dem Namen Scammon's Lagoon bekannt ist,
kann nur über eine Piste durch das Gelände der Salzwerke erreicht werden. Die komplette Bucht ist geschütz als
Parque Natural de Ballena Gris. Schon vom Strand aus kann man mit dem Fernglas die Wale in der Ferne beobachten. Es sollen hier mehrere
tausend Grauwale sein. Ob wir wohl noch einmal die Gelegenheit bekommen, die Wale so nah zu sehen wie beim ersten whale watching ?
Leider hatte Johannes beim ersten Mal keine Gelegenheit bekommen, einen Wal zu berühren. So hoffe ich nun für ihn, daß es diesmal klappt.
Früh am Morgen stehen wir auf, um die Ersten am Nationalparkgebäude zu sein. Unser Reisebegleiter hatten uns erzählt, daß die Wale irgendwann im Laufe des Tages die Lust verlieren und dann nicht mehr zum Boot kämen. Am Gebäude erwaretet uns allerdings eine "böse" Überraschung. Ein große Gruppe inklusive Kamerateam hat sich gerade vor uns eingereiht. Für uns heisst es warten, da nun alle verfügbaren Boote bereits vergeben sind. Einige nutzen die Gelegenheit für einen extra-Kaffee im danebenliegenden Café. Vor dem Gebäude ist ein großens Walskelett zu bewundern. Lebend sind sie mir allerdings lieber.
Aber dann kommen auch wir an die Reihe. Die Schwimmwesten werden verteilt und alle streben über den langen Bootssteg den Booten entgegen, um einen guten
Sitzplatz im Boot zu bekommen. Mich ärgert es, daß ich wegen meiner Beinverletzung mal wieder den Gleichen die guten Plätze überlassen muss,
aber eigentlich ist das gar nicht so wichtig. Sobald wir losfahren ist es wieder vergessen und ich genieße den frischen Fahrtwind.
Dort hinten, da taucht ein Grauwal auf ! Wir kommen langsam in unser Zielgebiet. Der Nationalparkguide stellt den Motor aus und wartet. Nichts tut sich. "Es soll also heute nicht sein" denke ich noch,
als eine Walmutter mit Kalb unser Boot ansteuert.
Diesmal ist das erwachsene Tier scheuer und taucht nur immer wieder unter dem Boot her um den Rücken von
Muscheln zu befreien. Der Wal könnte lässig das Boot hochheben oder es zum kentern bringen. Plötzlich fühlt man sich ganz klein. Nein, Angst haben wir alle nicht, dazu
ist das Erlebnis einfach zu fesselnd. Das Walkalb ist sehr verspielt und neugierig. Die nächste Stunde leisten uns die beiden Gesellschaft.
Wir können beobachten, wie zärtlich die beiden miteinander umgehen, wie das Walkalb ähnlich wie ein Welpe mit seiner Mutter spielt und sich
auf ihrem Rücken liegend aus dem Wasser heben lässt.
Die Vertrautheit liegt in der Luft. Zwischendurch schupst das Kalb das Boot an oder lässt
sich von uns streicheln. Ich nehme den Fotoapparat an mich, damit Johannes das Erlebnis auch voll geniessen kann. Eigentlich stört der Apparat nur,
da ich jede Sekunde geniessen will.
Doch da taucht das Kalb direkt vor Johannes auf. Ich reisse die Kamera hoch und fange an zu knipsen. Alle Regeln wie Hintegrund beachten etc.
sind vergessen, es zählt nur diese Erinnerung zu wahren. Nun hat auch Johannes die Gelegenheit und streichelt den Wal. Toll !
Für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis, die keinesfalls rauhe Haute des Wals zu berühren. Die Haut ist für diesen Koloss erstaunlich weich.
Nachdem sich das Kalb zum hintern Teil des Boots begeben hat, gebe ich die Kamera wieder ab und beobachte das Treiben. Ich lache mit den Scherzen
des Walkalbs und reiche begeistert ins Wasser, wenn der Wal nah genug herankommt. Unsere Begeisterung hat sich längst auf den Guide übertragen, so daß er
uns eine extra-Zeitverlängerung gönnt. Ihm macht es Spaß zu sehen, wie fasziniert wir von diesen Wesen sind. Sein Stolz über die Besonderheit in seinem Heimatland ist ihm
anzumerken. Ich sitze neben ihm und er erklärt mir, daß die ganzen
letzten Male kein Wal ans Boot gekommen ist. Andere Gruppen hatten also nicht die Gelegenheit, die Wale zu berühren oder gar das facettenreiche Spiel zu
beobachten. Es tut mir leid für sie.
Dann hat alles Schöne auch ein Ende. Sowohl Walmutter als auch Guide sind sich nun einig, daß es Zeit zum Weiterziehen ist. So schwimmen Mutter und Kalb davon, während wir uns auf den Rückweg machen. Wir sind sicher, dieses einmalige Erlebnis wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben.
Für die Pazifikseite waren nun unsere Walbeobachtungsgelegenheiten vorbei. Auf der anderen Seite der Baja sollten wir es aber noch einmal versuchen.
Hier gibt es nicht den Grauwal, sonder ständig hier lebende Walarten. Von der Bahia de Los Angeles aus werden wir den nächsten
Bootstag unternehmen. Die Passage zwischen der Bucht und der vorgelagerten Isla Angel de la Guarda, die auch Canal de Ballenas (Walkanal) genannt wird,
ist ein guter Ausgangspunkt für die Walbeobachtung.
Im kleinen Ort an der Küste werden wir von unserm Bootsführer abgeholt. Nach einiger Fahrtstrecke entlang der Küste,
bei der wir auch unsere Zelte am Strand erkennen, kommen wir aus der geschützeren Bucht hinaus und sehen Walrücken.
Es fällt uns schwer, die Wale zu identifiieren, da nur ihre Rücken aus dem Wasser ragen, eine Schwanzflosse bekommt keiner zu sehen.
Nach einigem Rätselraten unter Berücksichtigung der am wahrscheinlichsten Arten Buckelwal, Pottwal, Blauwal und Finnwal
haben wir es endlich raus: es sind Finnwale, die erheblich größer als die zuvor gesehenen Grauwale sind. In Küstennähe der
Inseln stoßen sie gewaltige Fontänen aus. Kaum kommen sie uns näher krümmt sich der Rücken stärker
beim Abtauchen. Schnell haben wir raus, daß dies das Zeichen dafür ist, daß der Wal nun tiefer abtaucht, also
nicht mehr nahe bei uns auftauchen wird. Nur durch ihre enorme Größe erscheinen sie uns dennoch nah. Gerne hätte ich ihren
flachen Kopf einmal gesehen oder die vollen Ausmaße ihres Körpers besser erahnt. Nein, ein Erlebnis zum anpacken war dies nicht.
Dann schaltet der Guide den Bootsmotor aus. Einen Moment land ist es still und meine Aufmerksamkeit ist von dem uns neugierig begleitenden
Pelikan abgelenkt. Dann hören wir es : rings um uns herum atmen Wale aus ! Ich schließ die Augen und habe den Eindruck mittendrin
zu sein. Keiner redet und stört diese "Walmusik". Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Auf einmal wird mir bewusst, wie viele
Wale hier rings um uns herum sein müssen, damit dauernd mehrere beim ausatmen zu hören sind, schliesslich tauchen diese Wale erheblich
länger ab, als die zuvor kennengelernten Grauwale mit ihren Kälbern.